Transparenz – oder: Was Zahlen nicht sagen

Was verdient ein Kaffeebauer?
Eine scheinbar einfache Frage, aber die Antwort darauf ist es nicht. Sie hängt von vielen Parametern ab, die wir nur zum Teil überblicken und beeinflussen können.

 

Das Problem mit dem Gewicht

Kaffee wird auf verschiedenen Stufen gehandelt: als Kirsche, als Pergamino, als Rohkaffee und dann geröstet. Je nach Aufbereitungsmethode werden aus 100 Kilo Kirschen zwischen 12 und 20 Kilo Rohkaffee. Nach dem Rösten bleiben davon etwa 10 bis 17 Kilo – je nach Röstgrad.

Ein Bauer in Guatemala pflückt von Hand und verkauft Kirschen. Ein Bauer in Brasilien liefert Rohkaffee ab Hof. Beide sprechen von ihrem Erzeugerpreis – aber der eine meint Kirschen, der andere Rohkaffee. Nicht vergleichbar.

Und dann: Wer hat gepflückt? Die Familie? Lohnpflücker? Wer hat aufbereitet? Die Kooperative – oder der Farmer selbst? „Farmgate Value“ ist keine Zahl, sondern ein Sammelbegriff für viele verschiedene Situationen.

Ein Beispiel: Lampocoy

Unser Guatemala kommt aus Lampocoy, einem Bergdorf mit 500 Einwohnern. Seit über 100 Jahren wird dort Kaffee angebaut. 2011 hat der deutsche Fernsehautor Dethlev Cordts diesen Kaffee entdeckt und mit seiner Initiative cafecita.eu (Kaffee und Bildung e.V.) eine Verbindung nach Europa aufgebaut. Ein Teil der Einnahmen fließt seitdem in Schulen, Gesundheitsstationen und Infrastruktur.

Wir beziehen den Lampocoy über Thomas Stehl, der den Kontakt zu Dethlev und den Kaffeebauern hält. Dethlev veröffentlicht jedes Jahr eine detaillierte Kostenaufstellung. Für die Ernte 2024/25 (Stand Juli 2025):

Farmgate Value: 7,24 € pro Kilo Rohkaffee (69,95 % des Verkaufspreises – umgerechnet von Kirschen auf Rohkaffee, bar auf die Hand)
Aufbereitung, Transport, Verwaltung: 1,68 €
FOB Guatemala (Exporthafen): 8,92 €
Seetransport, Versicherung, Lager Hamburg: 1,43 €
Endpreis ab Lager Hamburg: 10,35 €

Die Farmer erhalten über zwei Drittel des Verkaufspreises – für handgepflückte und handverlesene Qualitäten. Das sind rund 12 % mehr, als die fliegenden Händler („Coyotes“) derzeit bieten.

Die Ernte 2024/25 fiel 45 % geringer aus als normal. Die Preise waren höher – aber die Gesamteinnahmen blieben etwa konstant. Für die Bauern war es trotzdem ein gutes Jahr. Was „gut“ bedeutet, lässt sich aber nicht mit einer Zahl erfassen. Es hängt davon ab, wie viele Arbeitskräfte bezahlt wurden, wie das Wetter war, wie viel in Material und Wiederaufforstung investiert wurde und vieles mehr. Dethlev lebt vor Ort und kennt diese Zusammenhänge aus dem Effeff.

Trockenplatz in Atitlan

Baumschule in Antigua

Pergamino-Bohnen ungeröstet

Pflücker bei der Ernte

Was wir wissen können

Was wir zahlen: 10,35 € pro Kilo Rohbohnen (FCA Hamburg – Stand 08.07.25).
Woher der Kaffee kommt:

  • Lampocoy
  • Guatemala
  • Dethlev Cordts
  • cafecita.eu

Über: Thomas Stehl, CTS Hamburg.

Und wir wissen, dass die Farmer den größten Teil des Verkaufspreises erhalten – über zwei Drittel. Weit mehr als bei jedem anonymen Börsenhandel.

Warum wir keine eigenen Tabellen machen

Dethlev Cordts legt seine Kalkulation jedes Jahr offen. Wir könnten sie hier abdrucken – aber sie wäre beim nächsten Einkauf schon wieder anders. Erntemengen, Wechselkurse, Transportkosten: alles in Bewegung. Eine Tabelle würde nur Stillstand vortäuschen.

Was das für uns bedeutet

Für uns heißt Transparenz: nicht jede Zahl zu veröffentlichen, sondern zu sagen, was wir wissen – und was wir nicht wissen können.

Alle Fotos: Cafecita Lampocoy